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| 30 May 2010 01:02:14 pm |
Schimpf und Schande |
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Einst war er in jedem Bundesligastadion zu finden, heute muss man tief in die unteren Ligen abtauchen, um noch auf ein Exemplar in freier Wildbahn zu stoßen, die Versitzplatzung und die damit gestiegenen Eintrittspreise im Profifußball haben den angestammten Lebensraum dieser inzwischen gefährdeten Spezies arg schrumpfen lassen. Die Rede ist vom klassischen Mecker-Opa. Früher traf man ihn häufig ganz unten am Rand eines Stehplatzblocks, stets alleine, wie es für einen ausgeprägten Einzelgänger üblich ist, denn die Gesellschaft anderer würde ihn nur bei der uneingeschränkten Ausübung seiner spieltäglichen Pflicht stören: Schimpfen. Über alles und jeden, manchmal sogar den Gegner, vornehmlich aber über die Spieler der eigenen Mannschaft, den Trainer, den Vorstand, den DFB, die Schiedsrichter und wenn sich sonst gerade nichts anderes anbietet auch den Fußballsport im Allgemeinen, denn zu seiner Zeit – wann immer das gewesen sein mag – war das noch ein ehrliches Spiel unter Männern, knochenhart, nichts für Weicheier, und Geld hätte es sowieso keines gegeben, damals wären sie glücklich gewesen, wenn sie nach neunzig Minuten barfuß auf Asche eine lauwarme Brotsuppe serviert bekamen.
Optisch war der Mecker-Opa schnell auszumachen, die klischeehaften Ausführungen trugen Schiebermütze und rauchten dazu Zigarrenstummel, welche ihre weit vernehmbaren verbalen Ausführungen an Stinkigkeit noch zu überbieten versuchten. Unmöglich war es allerdings, den Antrieb ihres vierzehntägigen Erscheinens zu erkennen, die Liebe zum Verein kann es kaum gewesen sein, jedenfalls möchte man schlichtweg nicht davon ausgehen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die keine anderen Wege finden, ihrer Zuneigung Ausdruck zu verleihen.
Das allmähliche Verschwinden des Mecker-Opas in der letzten Dekade könnte vielleicht auch dem Alter geschuldet sein, gehörten die einstigen Vertreter doch stadionübergreifend ein und dergleichen Generation an, wodurch vielleicht auch ein wenig die Verbitterung zu erklären wäre. Wer in seiner Jugend einmal die Reise Heimat-Russland und zurück zu Fuß antreten durfte, hat womöglich weniger Verständnis für die Unpässlichkeiten heutiger Jungprofis übrig.
Derzeit findet man ihn jedenfalls kaum noch, wer aber genau hinhört, kann immer wieder die Kinder und Kindeskinder des Mecker-Opas in seiner Umgebung ausmachen. Optisch kaum von anderen Stadionbesuchern zu unterscheiden, hat man auch heute noch gelegentlich einen Kandidaten – es sind in der Tat immer männliche Vertreter, Schimpfe-Omas hat es auch früher nicht gegeben – in seiner Nähe, dessen einziger Beitrag zum Gebotenen auf dem Rasen eine neunzigminütige Schimpfkanonade darstellt. In diesem Falle lässt sich die destruktive Grundhaltung altersbedingt jedenfalls nicht mehr mit Kriegserlebnissen erklären, hier muss eingehender geforscht werden. Wer jemals den Dialog mit dem Mecker-Volk gesucht hat – was beileibe kein angenehmes Unterfangen ist – wird auf drei mögliche Ursachen stoßen.
Zum einen gibt es die berufliche Frustration. Wer fünf Tage die Woche immer wieder die eigene Position in der Hierarchie am Arbeitsplatz unter die Nase gerieben bekommt, versucht sich eben am Wochenende Luft zu verschaffen, indem er seinen Frust auf andere Wehrlose abwälzt. Wenn es dem Schimpfenden durch diesen Verbal-Hooliganismus besser geht, mag das subjektiv schön und gut sein, den Beschimpften schadet es nämlich nicht, da sie nichts davon mitbekommen, es leiden einzig – und das ist objektiv die Crux – sämtliche Stadionbesucher in Hörweite.
Die beruflichen Mecker-Gründe treten häufig gepaart mit einer weiteren möglichen Ursache auf, dem Sozialneid. Der Schimpfende rechtfertigt sein Verhalten damit, dass er sofort seine Papiere in der Personalabteilung abholen könne, wenn er werktags eine entsprechende Arbeit wie die der Akteure auf dem Rasen abliefere. Aber die feinen Herren Fußballprofis verdienen sich dumm und dämlich, und wenn sie keine Lust haben, gute Leistung zu zeigen, dann lassen sie es einfach. Dabei vergisst der Schimpfer, dass für seinen Arbeitsplatz in der Regel leider keine außergewöhnliche Begabung vonnöten war, sondern lediglich eine Ausbildung, die viele andere ebenso genossen haben, was ihn in seiner Rolle bedauerlicherweise ziemlich austauschbar macht. An dieser Stelle folgt dann gerne der fließende Übergang vom Sozialneid zur Konsumhaltung. ER habe ja nun für dieses Spiel bezahlt, also muss IHM auch was geboten werden, schließlich zahle ER ja auch mit seinem Eintritt die Gehälter der Stümper auf dem Platz. Mit dieser Einstellung hätte er sich vielleicht besser für einen Musicalbesuch entschieden, die dortigen Akteure sind schließlich bekannt für ihre allabendlichen konstanten Leistungen. Fußballspiele sind weniger starr im Ablauf, wodurch es zu Abweichungen kommen kann, in denen andere Stadionbesucher sogar einen gewissen Reiz erkennen können, da man vorher nicht wissen kann, was passiert. Wer darauf keinen Wert legt, ist vielleicht beim Rekordmeister besser aufgehoben.
Den unangenehmsten Mecker-Beweggrund stellt aber wohl die Besserwisserei dar. Der Schimpfende unterstellt dem Trainer vollkommene Stümperei, er selbst würde da ganz anders durchgreifen, die überbezahlten Herrschaften würden sich aber mal ganz schnell auf der Bank wiederfinden und dürften dann den jungen, hungrigen Spielern dabei zugucken, wie sie das Ruder rumreißen. Was natürlich genau so passieren würde, wenn der Schimpfer nur das Sagen hätte. Da das aber nicht passiert, wird den umstehenden Stadionbesuchern stattdessen haarklein erläutert, welche der vielen vergebenen Torchancen der Mecker-Opa-Enkel aber ganz sicher versenkt hätte, wenn er denn da unten spielen würde.
Sollte sich ein Leser in diesen Zeilen wiedererkennen, bitte ich einmal um einen ganz kleinen Gedanken an all die lauteren Stadionbesucher, die an der unerfüllten Situation des Meckerers keine Schuld trifft, die aber unter deren Auswüchsen als einzige in vollem Umfang leiden müssen. Es ist schon schwer genug, die Fassung zu wahren, während man dem geliebten Verein bei einer vernichtenden Niederlage beiwohnen muss; durch ein neunzigminütiges Schimpfe-Stakkato wird es aber ganz sicher nicht besser – weder auf dem Platz noch auf den Rängen. Vielleicht sollte man es eher mit Aufmunterung probieren, selbst in der dunkelsten Stunde. Irgendeinen Grund wird es ja haben, dass der Begriff 'Supporter' als Beschreibung für einen beherzten Fan den Weg in den deutschen Sprachschatz gefunden hat. Mecker-Opas und deren Folgegenerationen werden damit ganz sicher nicht gemeint sein. |
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Kategorie : Kapitel
| Autor : hermann | Kommentare [2] | Trackbacks [0] |
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von : stuhlfauth @ Zeit : 02 Jul 2010 12:37:01 pm : |
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Hallo Herrmann!
Schöner Text. Sehr fundiert auch das Nachdenken über die Motive der Neo-Meckerer und die Verwurzelung ihrer psycho-sozialen Struktur in der Arbeitswelt.
Ich muss allerdings einschränkend ergänzen: Ich habe die Original-Mecker-Opas, die tatsächlich ab Mitte der 1990er irgendwie ausgestorben scheinen, immer ganz gerne gemocht. Damals war mein Lieblingsplatz die Gegengerade, wo man noch für kleines Geld unter ihnen stehen konnte, und dass ohne Wochen im Voraus im Internet Karten zu bestellen. Insgeheim habe ich mir sogar ausgemalt, dass ich später auch mal so ein Mecker-Opa werden könnte....
Es gibt neben beruflicher Frustration, Sozialneid, und Besserwisserei (wie Du es bei den Neo-Meckeren zu recht analysierst) bei den Alten auch noch sowas John-Wayne-mäßiges: Ich habe schon viel erlebt, habe alles kommen und gehen sehen, ich bin unbestechlich und nicht leicht zu beeindrucken. So in etwa. Ich bin auch nicht so blöd, jeden dahingegurkten Heimsieg besonders toll finden zu müssen. .
Ich fand deren Geschänge irgendwie auch cool. (Und in den 1990ern war ja der Verein von seiner Führung her auch komplett beschissen. Artzinger-Bolten und Konsorten) Eigentlich kein Vergleich zu dem Gemecker der heutigen "beruflichen Leistungsträger" und Möchtegern-Mittelschichtler, die Du völlig zu Recht vedammst.
Sind die Mecker-Opas vielleicht auch deshalb von der Bildfläche verschwunden, weil diese Sponsoring-Hölle namens RheinEnergie-Stadion nichts mehr für sie ist? Sind sie am Ende gar nicht tot, sondern bloß vertrieben? |
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von : wow power leveling @ Zeit : 02 Sep 2010 01:53:33 am : Email : Home |
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